Pressebericht
   
  Ein Bericht zur Ausstellung
  "Grenzüberschreitungen - 100 Gesichter des deutsch-schwedischen Puppenspielers Michael Meschke"
  von Nikolaus Hein
 

Grußwort in der Ausstellungsbroschüre

Michael Meschke inszenierte die Stoffe der Weltliteratur auf der Bühne der Puppen, der Figuren, der Masken und Menschen in einer bisher selten gesehenen Intensität und Formenvielfalt. Seine geballte Kreativität zeigte ein totales, ein grenzenloses Theater. So gilt beispielsweise seine Inszenierung "König Ubu" aus dem Jahr 1964 heute noch als kultureller Meilenstein. Michael Meschke ist Grenzüberschreiter in der bildenden und darstellenden Kunst, ist Impulsgeber, Schrittmacher, gibt europaweit Anstöße zu neuen Wegen und Auseinandersetzungen. Mit seinen Inszenierungen gastierte er auf allen wichtigen Festivals und in vielen Schauspiel- und Opernhäusern der Welt. Er ist im Bereich des modernen Theaters Avantgarde und gehört zu den wichtigsten Europäern. Ich freue mich auf Michael Meschke und alle seine Figuren, auf die Zusammenarbeit und auf das Ausstellungsprojekt "Grenzüberschreitungen. Hundert Gesichter des deutsch-schwedischen Puppenspielers Michael Meschke"


Der folgende Artikel Von Nikolaus Hein erschien in der Fachzeitschrift  Puppenspiel - Information

Ein prall gefüllter Leitz-Ordner voller Mails zwischen Stockholm und Berlin erinnert an zahllose Fragen, Gedanken, Vorschläge und Überlegungen.
Nach einem Vorlauf von anderthalb Jahren war es dann am 1. September 2006 so weit: die Ausstellung wurde im Puppentheater-Museum Berlin eröffnet.

Nach dem offiziellen Teil der Eröffnungsfeier stellte Meschke den Gästen seine Mitarbeiter vor und erzählte zum Vergnügen aller schnurrige Episoden aus seinem Puppenspielerleben. Die Anwesenden standen, saßen auf Treppen, auf dem Boden rund um ihn herum und lauschten seinen schrägen und amüsanten Geschichten. Eine besondere, heimelige Atmosphäre und der nicht enden wollende Beifall dankten es ihm.

Erstmals außerhalb Schwedens präsentiert diese Ausstellung Michael Meschke als Figurenhersteller und Regisseur in seinen verschiedenen Schaffensperioden und vermittelt einen lustvollen Überblick über die Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten, Materialien, künstlerischen Ausformungen und Techniken, ohne chronologische oder spieltechnische Ordnung - der Raum bestimmt die Disposition. Großformatige Fotos des Künstlers Michael Kersten aus Österreich zeigen eindringliche Portraits und Details von Meschkes Figuren. Details, deren Bedeutung und Wichtigkeit bei näherer Betrachtung der Originalfiguren sich deutlicher erschließen.

Die Ausstellung erlebt einen sehr speziellen, sehr beeindruckenden Erfolg, über den ich mich besonders freue. Es kommen nicht mehr Besucher als in vorangegangenen Themenausstellungen, doch die Gäste, insbesondere Fachleute wie Puppenspieler, Theaterleute anderer Sparten und bildende Künstler verbleiben in dieser Ausstellung auf der doch verhältnismäßig kleinen Sonderausstellungsfläche von 150 qm ungewöhnlich lange. Sie nutzen die unterschiedlichen medialen Angebote, um sich sehr ausführlich und vielseitig zu informieren, nicht selten über einen Zeitraum von zwei bis drei Stunden.
Nachdem die Puppenspielkollegin Kristiane Balsevicius sich drei Stunden lang in der Ausstellung aufgehalten hatte, ging sie mit den Worten: "Ich komme dann noch mal."

Via Kopfhörer an einer Hörbox hören die Besucher Texte aus dem Buch "Grenzüberschreitungen - zur Ästhetik des Puppentheaters", gelesen von dem Schauspieler Michael Tietz. In einer packenden Sprache erfahren sie in 45 Minuten viel von der Philosophie, den künstlerischen Ansätzen Meschkes und vom Ringen um die Sache.
Immer wieder entzünden sich lebendige Gespräche der Besucher, auch Erinnerungen. "Ach, König Ubu von Meschke, haben wir doch im Studium aufgegriffen … "

Ein TV - Monitor inmitten der Figuren zeigt die Inszenierung " Die Apokalypse" aus dem Jahr 1996. Nach Vorbildern mittelalterlicher Mysterienspiele stellt Meschke viele Figuren aus seinem Repertoire in einen apokalyptischen, einen neuen Zusammenhang. Zu sehen sind die in der Ausstellung befindlichen Figuren wie Don Quichotte, sowie die Figuren aus der Inszenierung " Der gute Mensch von Sezuan" in Aktion auf der Bühne, ebenso die Figuren aus " Antigone", die in der Art des Bunraku - Theaters gespielt wurden. Die Besucher der Ausstellung nehmen dieses Angebot sehr gerne wahr, denn dies lässt sie die Figurentechniken verstehen und vermittelt ihnen ein Gefühl für Meschkes Theater und seine Wirkung.

Einflüsse ferner Puppenspielkulturen aus Japan, Indonesien, Burma und anderen Ländern spiegeln sich deutlich in der Auswahl der ausgestellten Theaterfiguren, wie auch im Repertoire Meschkes.

Unter dem Aspekt, was muss eine Figur in ihrer Rolle technisch leisten können, zeigt die Ausstellung anschauliche Beispiele: So den beweglichen Kiefer, die beweglichen Augen und die Hände der Figur "König Kreon" (aus "Antigone"), an denen die drei Gelenke des einzelnen Fingers beweglich sind und jeder einzelne Finger der Hand kontrolliert bewegt werden kann. Ebenso die technisch perfekte, lebensgroße Figur des "Don Quichotte". Besonders gefällt mir hierbei, dass Don Quichotte nicht, wie so häufig, als lächerliche Witzfigur, sondern als tragische Figur, die er ist, gezeigt wird.

Frei im Raum, umgeben von der umlaufenden Galerie der ersten Etage, hängen die Marionetten aus den Inszenierungen "Die Geschichte vom Soldaten", "Nocturne", "Der Weltraumpionier" und "Das Spiel von dem Weg, der zum Himmel führt". Sie korrespondieren mit den Figuren im Erdgeschoss und bilden, von unten besehen, für die Besucher einen viel versprechenden Puppenhimmel.

In einem Extra-Raum werden auf einer Großleinwand Filme der schwedischen Künstlerin Helene Berg in der Technik Chromaky Post-Production mit Figuren von Michael Meschke vorgeführt, ebenso wie ganze Inszenierungen von Michael Meschke. Am Ende eines Ausstellungsbesuches wird die Vorführung der aufgezeichneten Inszenierung "König Ubu", ein Theaterstück mit Masken, Schauspiel und Flachfiguren aus dem Jahr 1964, zum absoluten Höhepunkt. Der Musikpublizist Boris Kehrmann schreibt in dem Monatsmagazin der Theatergemeinde Berlin: "Das Genialste aber ist Alfred Jarrys blutiger Clown König Ubu (1964), in dem die verrückten Zeichnungen des Autors wie auf dem Papier zum Leben erweckt und doch mit grandioser Einfallskraft und komödiantischer Genialität von Menschen verkörpert werden. Ein Muss!"

Eine Broschüre zur Ausstellung mit Texten und Fotos von Michael Kersten vermittelt Fakten und Daten zur Person Michael Meschke und zu seinem künstlerischen Schaffen. Schließlich legen wir im Rahmen dieser Ausstellung auch Meschkes Buch "Grenzüberschreitungen - zur Ästhetik des Puppentheaters" (1996 bei Wilfried Nold erschienen) zum Reinlesen, Nachschlagen und zum Verkauf aus.

Die Tatsache, dass dieses Projekt in einer Stadt wie Berlin mit über 200 Museen, drei Opernhäusern, etlichen staatlichen Theatern und einer riesigen freien Theaterszene in den Medien seinen Raum findet, bestätigt unsere Hoffnungen, unsere Arbeit und die Qualität der ausgestellten Exponate.
Ich danke an dieser Stelle noch einmal allen, die mitgeholfen haben, dieses wunderbare Projekt zu realisieren, insbesondere Elisabeth Beijer und Michael Meschke und wünsche dem Puppentheatermuseum Stockholm eine gesicherte Zukunft.
Ab dem 1. Dezember 2006 wird die Ausstellung in Patras / Griechenland, der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas, der Öffentlichkeit präsentiert.

Interview von Nikolaus Hein mit Michael Meschke
für die Fachzeitschrift  Puppenspiel - Information

Nikolaus Hein: Sie haben den Grundstein für die Entwicklung des Puppentheaters in Schweden gelegt. Wie viele stationäre Puppentheater gibt es in Schweden heute und wie viele mobile Theater?

Michael Meschke: Mir fehlt ein aktueller Überblick, schätzungsweise gibt es etwa 20 reisende Bühnen und 20 stationäre. Oft reisen diese auch. Alle sind klein, mit wenigen Mitarbeitern - ein großes, festes Ensemble gab es nur an unserem Theater während seiner Blütezeit. Heute arbeiten viele mangels Mittel solo, zu zweit oder zu dritt. Diese Tendenz scheint mir allgemein europäisch zu sein.

N. H.: Sie haben in Schweden Puppenspieler ausgebildet. Für diese Verdienste wurde Ihnen der Titel Professor h.c. verliehen. Wie hat diese Ausbildung stattgefunden und mit welcher Zielsetzung?

M. M.: Von der Gründung des Theaters an bis 1997 bildete ich, unentgeltlich und neben meiner übrigen Tätigkeit, alle viel versprechenden Spieler am Theater aus, viele bekamen dann eine Anstellung. Ab 1963 wurde der Beruf sozial dem der Schauspieler gleichberechtigt anerkannt. Durch alle Jahre kämpfte ich vergebens um eine staatliche Berufsausbildung, während ich in anderen Ländern mehr Erfolg hatte, Schulen für Puppenspieler durchzusetzen.
1998 startete endlich das "Dramatiska Institutet "(Schwedens staatliche Instanz für Bühnen- und Filmausbildung) die erste dreijährige Ausbildung. Die besten Lehrer aus Schweden und der Welt kamen zu den jeweils vier ausgewählten Studenten. Die Schule vermittelte den Figurenbau in allen Spieltechniken, Bewegung (Mime nach Decroux), Sprechen und Geschichte. Weiterhin gab es viele Studienbesuche im Schauspieltheater, um den Unterschied zu lernen, und bei Puppentheaterfestivals, der Vielseitigkeit unserer Kunst wegen.
Aber nach zwei Lehrgängen wurde die Schule 2004 plötzlich geschlossen, angeblich aus finanziellen Gründen. Unsere kleine Kunst ist leicht zu schlachten.


N. H.: Wie steht es heute um den Nachwuchs und die Förderung von Puppenspielern in Schweden?

M. M.: Es steht heute ziemlich schlecht. Die Entwicklung scheint seit einigen Jahren generell still zu stehen, von einigen hervorragenden Künstlern abgesehen, wie zum Beispiel Arne Högsander und Thomas Lundqvist.

N. H.: Das Figurentheater in Europa hat sich befreit aus den Zwängen vieler Traditionen. Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung des Figurentheaters ein im Hinblick auf das Theater mit menschlichen Schauspielern und anderen Künsten?

M. M.: Grenzüberschreitungen bleibt meine Parole! Ohne solche stagniert jede Kunstform. Nur dabei nie den Ursprung vergessen. Effekte machen keine Theaterkunst, die Wurzeln müssen gekannt und gekonnt weiter gepflegt werden, gegen eine verbreitete Tendenz, es sich leicht zu machen. Das gilt sowohl für den künstlerischen Ausdruck, die Wahl des Repertoires und der technischen Schwierigkeitsgrade. Wo bleibt die Poesie? Nicht die sentimentale, süße, sondern eine, die zu ergreifen, zu erschüttern, zu provozieren vermag?
Und auch nochmals dieses: Man ist nicht Schauspieler, weil man Puppenspieler ist, auch nicht Puppenspieler, weil man Schauspieler ist!

N. H.: Im Juli 2006 haben Sie erstmals den von Ihnen ins Leben gerufenen "Michael Meschke - Preis" verliehen. Welche Gedanken, Ziele und Hoffnungen verknüpfen Sie mit diesem Preis?

M. M.: Der " Prix MM " kam zustande, als man mir zum 70sten Geburtstag Geldspenden schenkte. Sein Ziel ist, die "Weiterentwicklung und Erneuerung der Puppenspielkunst zu fördern". Er ging 2006 an Antigoni Paroussi, Athen. Sie ist jetzt Dozentin an der Universität von Athen und hat seit vielen Jahren die Puppenspielkunst Griechenlands gefördert: als Mitarbeiterin an dem Festival auf der Insel Hydra, als Mitbegründerin der Unima Hellas, als Förderin von jungen Spielern neben der Karaghiozis-Tradition und sie hat die Ausbildung an der Universität etabliert.

N. H.: Soll dieser Preis regelmäßig oder nur zu besonderen Anlässen verliehen werden?

M. M.: Die Absicht ist, den Preis jedes zweite Jahr zu verleihen, abhängig von den finanziellen Möglichkeiten. Mir schien, es fehlte der Puppentheaterwelt eine nicht nur verbale, sondern substantielle internationale Anerkennung, die alle anderen Kunstformen bereits haben.

N. H.: Neben dem stationären Theaterbetrieb in Stockholm errichteten Sie auch das "Marionettmuseet". Wo befindet sich das Museum und welche längerfristige Perspektive hat die Einrichtung?

M. M.: Das Museum befand sich während meiner Leitung im selben Gebäude wie das Theater. Bedauerlicherweise wurde die Miete im Zentrum von Stockholm ständig erhöht. Dies war auch der Grund, warum wir 2003 das Gebäude räumen mussten. Das Theater wurde unter der Leitung von Frau Helena Nilson in die Städtischen Bühnen überführt und zeigt heute Vorstellungen für Kinder. Das Museum wurde vorübergehend eingelagert. Nach erheblichen, längerfristigen Schwierigkeiten möchten wir die Zukunft des Museums durch eine Schenkung an den Staat sichern. Heute warten wir auf einen Regierungsbeschluss, der das Museum neu aufleben lässt. Nur unter staatlicher Museumskompetenz ist das Material gesichert. Aber das Museum braucht auch Spezialisten. Ich hoffe, dass meine Mitarbeiterin Elisabeth Beijer dabei sein wird. Dann kann meine Konzeption weiterleben, wenn auch wahrscheinlich in kleinerem Umfang als früher.

N. H.: Nach Ihrem bisher so aktiven und erfolgreichen Leben für das Puppentheater vermute ich, dass Sie auch zukünftig diese Theaterform begleiten wird. Was für Pläne haben Sie diesbezüglich?

M. M.: Schreiben, vermitteln, Erfahrungen weitergeben, wo immer sie erwünscht sind. Mein Herz ist viel in Südostasien, wo ich versuche, bedrohte Traditionen zu bewahren; zum Beispiel das einzigartige Nang Yai-Spiel , eine Kunst, die zwei Künste in sich vereint, Schattenspiel mit riesigen Figuren und choreografierten Tanz v o r dem Schattenspieltuch statt dahinter! Eine noch größere und sehr delikate Herzensangelegenheit ist das burmesische Marionettenspiel, dem es unter der Diktatur schlecht geht. Es prägte meine Berufswahl: als 5-jähriger Junge lag ich mit Ohrenentzündung im Bett. Vater zeigte mir eine Zeitschrift, " Atlantis". Dort schauten mir lieblichere Menschen entgegen als ich je gesehen hatte, unvergesslich. Als Erwachsener erfuhr ich, dass es nicht Menschen, sondern Marionetten waren. Die musste ich aufsuchen.
In Kürze erscheint mein zweites Buch in Griechenland, das von meinen drei großen Inszenierungen griechischer Tragöden bis ins kleinste Detail erzählt. Schon lange suche ich einen deutschen Verleger in meinem Ursprungsland, der meine Erfahrungen publizieren möchte. Mein Mitarbeiter Michael Kersten hat unwahrscheinlich gute Portraits von meinen Gesichtern fotografiert - wir würden gerne eine Kunstmappe herausgeben.

Nikolaus Hein
Puppentheater-Museum Berlin

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