| Pressebericht | |||
| Ein Bericht zur Ausstellung | |||
| "Grenzüberschreitungen - 100 Gesichter des deutsch-schwedischen Puppenspielers Michael Meschke" | |||
| von Nikolaus Hein | |||
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Grußwort in der Ausstellungsbroschüre Michael Meschke inszenierte die Stoffe der Weltliteratur
auf der Bühne der Puppen, der Figuren, der Masken und Menschen
in einer bisher selten gesehenen Intensität und Formenvielfalt.
Seine geballte Kreativität zeigte ein totales, ein grenzenloses
Theater. So gilt beispielsweise seine Inszenierung "König
Ubu" aus dem Jahr 1964 heute noch als kultureller Meilenstein.
Michael Meschke ist Grenzüberschreiter in der bildenden und darstellenden
Kunst, ist Impulsgeber, Schrittmacher, gibt europaweit Anstöße
zu neuen Wegen und Auseinandersetzungen. Mit seinen Inszenierungen gastierte
er auf allen wichtigen Festivals und in vielen Schauspiel- und Opernhäusern
der Welt. Er ist im Bereich des modernen Theaters Avantgarde und gehört
zu den wichtigsten Europäern. Ich freue mich auf Michael Meschke
und alle seine Figuren, auf die Zusammenarbeit und auf das Ausstellungsprojekt
"Grenzüberschreitungen. Hundert Gesichter des deutsch-schwedischen
Puppenspielers Michael Meschke" Ein prall gefüllter Leitz-Ordner voller Mails
zwischen Stockholm und Berlin erinnert an zahllose Fragen, Gedanken,
Vorschläge und Überlegungen. Nach dem offiziellen Teil der Eröffnungsfeier stellte Meschke den Gästen seine Mitarbeiter vor und erzählte zum Vergnügen aller schnurrige Episoden aus seinem Puppenspielerleben. Die Anwesenden standen, saßen auf Treppen, auf dem Boden rund um ihn herum und lauschten seinen schrägen und amüsanten Geschichten. Eine besondere, heimelige Atmosphäre und der nicht enden wollende Beifall dankten es ihm. Erstmals außerhalb Schwedens präsentiert
diese Ausstellung Michael Meschke als Figurenhersteller und Regisseur
in seinen verschiedenen Schaffensperioden und vermittelt einen lustvollen
Überblick über die Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten,
Materialien, künstlerischen Ausformungen und Techniken, ohne chronologische
oder spieltechnische Ordnung - der Raum bestimmt die Disposition. Großformatige
Fotos des Künstlers Michael Kersten aus Österreich zeigen
eindringliche Portraits und Details von Meschkes Figuren. Details, deren
Bedeutung und Wichtigkeit bei näherer Betrachtung der Originalfiguren
sich deutlicher erschließen. Via Kopfhörer an einer Hörbox hören
die Besucher Texte aus dem Buch "Grenzüberschreitungen - zur
Ästhetik des Puppentheaters", gelesen von dem Schauspieler
Michael Tietz. In einer packenden Sprache erfahren sie in 45 Minuten
viel von der Philosophie, den künstlerischen Ansätzen Meschkes
und vom Ringen um die Sache. Einflüsse ferner Puppenspielkulturen aus Japan, Indonesien, Burma und anderen Ländern spiegeln sich deutlich in der Auswahl der ausgestellten Theaterfiguren, wie auch im Repertoire Meschkes. Unter dem Aspekt, was muss eine Figur in ihrer Rolle technisch leisten können, zeigt die Ausstellung anschauliche Beispiele: So den beweglichen Kiefer, die beweglichen Augen und die Hände der Figur "König Kreon" (aus "Antigone"), an denen die drei Gelenke des einzelnen Fingers beweglich sind und jeder einzelne Finger der Hand kontrolliert bewegt werden kann. Ebenso die technisch perfekte, lebensgroße Figur des "Don Quichotte". Besonders gefällt mir hierbei, dass Don Quichotte nicht, wie so häufig, als lächerliche Witzfigur, sondern als tragische Figur, die er ist, gezeigt wird. Frei im Raum, umgeben von der umlaufenden Galerie der ersten Etage, hängen die Marionetten aus den Inszenierungen "Die Geschichte vom Soldaten", "Nocturne", "Der Weltraumpionier" und "Das Spiel von dem Weg, der zum Himmel führt". Sie korrespondieren mit den Figuren im Erdgeschoss und bilden, von unten besehen, für die Besucher einen viel versprechenden Puppenhimmel. In einem Extra-Raum werden auf einer Großleinwand Filme der schwedischen Künstlerin Helene Berg in der Technik Chromaky Post-Production mit Figuren von Michael Meschke vorgeführt, ebenso wie ganze Inszenierungen von Michael Meschke. Am Ende eines Ausstellungsbesuches wird die Vorführung der aufgezeichneten Inszenierung "König Ubu", ein Theaterstück mit Masken, Schauspiel und Flachfiguren aus dem Jahr 1964, zum absoluten Höhepunkt. Der Musikpublizist Boris Kehrmann schreibt in dem Monatsmagazin der Theatergemeinde Berlin: "Das Genialste aber ist Alfred Jarrys blutiger Clown König Ubu (1964), in dem die verrückten Zeichnungen des Autors wie auf dem Papier zum Leben erweckt und doch mit grandioser Einfallskraft und komödiantischer Genialität von Menschen verkörpert werden. Ein Muss!" Eine Broschüre zur Ausstellung mit Texten und Fotos von Michael Kersten vermittelt Fakten und Daten zur Person Michael Meschke und zu seinem künstlerischen Schaffen. Schließlich legen wir im Rahmen dieser Ausstellung auch Meschkes Buch "Grenzüberschreitungen - zur Ästhetik des Puppentheaters" (1996 bei Wilfried Nold erschienen) zum Reinlesen, Nachschlagen und zum Verkauf aus. Die Tatsache, dass dieses Projekt in einer Stadt
wie Berlin mit über 200 Museen, drei Opernhäusern, etlichen
staatlichen Theatern und einer riesigen freien Theaterszene in den Medien
seinen Raum findet, bestätigt unsere Hoffnungen, unsere Arbeit
und die Qualität der ausgestellten Exponate. Interview von Nikolaus Hein mit Michael
Meschke Nikolaus Hein:
Sie haben den Grundstein für die Entwicklung des Puppentheaters
in Schweden gelegt. Wie viele stationäre Puppentheater gibt es
in Schweden heute und wie viele mobile Theater? M. M.: Von
der Gründung des Theaters an bis 1997 bildete ich, unentgeltlich
und neben meiner übrigen Tätigkeit, alle viel versprechenden
Spieler am Theater aus, viele bekamen dann eine Anstellung. Ab 1963
wurde der Beruf sozial dem der Schauspieler gleichberechtigt anerkannt.
Durch alle Jahre kämpfte ich vergebens um eine staatliche Berufsausbildung,
während ich in anderen Ländern mehr Erfolg hatte, Schulen
für Puppenspieler durchzusetzen. M. M.: Es
steht heute ziemlich schlecht. Die Entwicklung scheint seit einigen
Jahren generell still zu stehen, von einigen hervorragenden Künstlern
abgesehen, wie zum Beispiel Arne Högsander und Thomas Lundqvist. M. M.: Grenzüberschreitungen
bleibt meine Parole! Ohne solche stagniert jede Kunstform. Nur dabei
nie den Ursprung vergessen. Effekte machen keine Theaterkunst, die Wurzeln
müssen gekannt und gekonnt weiter gepflegt werden, gegen eine verbreitete
Tendenz, es sich leicht zu machen. Das gilt sowohl für den künstlerischen
Ausdruck, die Wahl des Repertoires und der technischen Schwierigkeitsgrade.
Wo bleibt die Poesie? Nicht die sentimentale, süße, sondern
eine, die zu ergreifen, zu erschüttern, zu provozieren vermag? M. M.:
Der " Prix MM " kam zustande, als man mir zum 70sten Geburtstag
Geldspenden schenkte. Sein Ziel ist, die "Weiterentwicklung und
Erneuerung der Puppenspielkunst zu fördern". Er ging 2006
an Antigoni Paroussi, Athen. Sie ist jetzt Dozentin an der Universität
von Athen und hat seit vielen Jahren die Puppenspielkunst Griechenlands
gefördert: als Mitarbeiterin an dem Festival auf der Insel Hydra,
als Mitbegründerin der Unima Hellas, als Förderin von jungen
Spielern neben der Karaghiozis-Tradition und sie hat die Ausbildung
an der Universität etabliert. N. H.: Soll dieser Preis regelmäßig oder nur zu besonderen Anlässen verliehen werden? M. M.: Die
Absicht ist, den Preis jedes zweite Jahr zu verleihen, abhängig
von den finanziellen Möglichkeiten. Mir schien, es fehlte der Puppentheaterwelt
eine nicht nur verbale, sondern substantielle internationale Anerkennung,
die alle anderen Kunstformen bereits haben. N. H.: Neben dem stationären Theaterbetrieb in Stockholm errichteten Sie auch das "Marionettmuseet". Wo befindet sich das Museum und welche längerfristige Perspektive hat die Einrichtung? M. M.: Das
Museum befand sich während meiner Leitung im selben Gebäude
wie das Theater. Bedauerlicherweise wurde die Miete im Zentrum von Stockholm
ständig erhöht. Dies war auch der Grund, warum wir 2003 das
Gebäude räumen mussten. Das Theater wurde unter der Leitung
von Frau Helena Nilson in die Städtischen Bühnen überführt
und zeigt heute Vorstellungen für Kinder. Das Museum wurde vorübergehend
eingelagert. Nach erheblichen, längerfristigen Schwierigkeiten
möchten wir die Zukunft des Museums durch eine Schenkung an den
Staat sichern. Heute warten wir auf einen Regierungsbeschluss, der das
Museum neu aufleben lässt. Nur unter staatlicher Museumskompetenz
ist das Material gesichert. Aber das Museum braucht auch Spezialisten.
Ich hoffe, dass meine Mitarbeiterin Elisabeth Beijer dabei sein wird.
Dann kann meine Konzeption weiterleben, wenn auch wahrscheinlich in
kleinerem Umfang als früher. M. M.: Schreiben,
vermitteln, Erfahrungen weitergeben, wo immer sie erwünscht sind.
Mein Herz ist viel in Südostasien, wo ich versuche, bedrohte Traditionen
zu bewahren; zum Beispiel das einzigartige Nang Yai-Spiel , eine Kunst,
die zwei Künste in sich vereint, Schattenspiel mit riesigen Figuren
und choreografierten Tanz v o r dem Schattenspieltuch statt dahinter!
Eine noch größere und sehr delikate Herzensangelegenheit
ist das burmesische Marionettenspiel, dem es unter der Diktatur schlecht
geht. Es prägte meine Berufswahl: als 5-jähriger Junge lag
ich mit Ohrenentzündung im Bett. Vater zeigte mir eine Zeitschrift,
" Atlantis". Dort schauten mir lieblichere Menschen entgegen
als ich je gesehen hatte, unvergesslich. Als Erwachsener erfuhr ich,
dass es nicht Menschen, sondern Marionetten waren. Die musste ich aufsuchen. Nikolaus Hein |
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