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Nach langjährigem Sammeln, Recherchieren und
Vorbereiten gründete ich 1986 das Mobile Puppentheater-Museum Berlin.
Ein Museum ohne Haus. Ein reisendes Museum mit freien Mitarbeitern.
Ein Museum, das dort Ausstellungen realisierte, wo die Auseinandersetzung
mit Puppen- und Figurentheater stattfand. Puppenspielwochen, Fachtagungen
und Festivals waren zumeist die Anlässe. Der ersten umfangreichen
Ausstellung 1987 in der Kommunalen Galerie Berlin folgten verschiedene
themenorientierte Ausstellungsprojekte anlässlich der Jahreshauptversammlungen
des "Verband Deutsche Puppentheater e.V.". in Marl, Schwabach,
Göttingen
.
Mobile Ausstellungsprojekte führten uns bis nach Helsinki. Wir
reisten mit dem LKW, mit Glasscheiben, Vitrinen, Stellwänden und
allem ausstellungstechnischen Zubehör. Auf die Rahmenprogramme
und museumspädagogischen Angebote der jeweiligen Ausstellungsorte
hatten wir leider nur selten Einfluss. Doch meine Vision war, mittelfristig
in einem stationären Museum die eigenen Vorstellungen zu realisieren,
Themen, die Figuren und Inszenierung anbieten, aufzugreifen, in Führungen
zu vertiefen und zu erweitern, auf Fragen der Besucher einzugehen und
selber Fragen zu stellen, Führungen wie Improvisationstheater im
besten Sinne anzubieten, einen lebendigen Ort rund um das Puppen- und
Figurentheater zu schaffen. Zugegeben, die Verwirklichung war ein Abenteuer,
auch finanziell, und sie ist es auch heute noch.
Am 21. März 1995 eröffneten der Kultursenator von Berlin,
Herr Roloff-Momin und der Kulturstadtrat von Berlin-Neukölln, Herr
Schimmang das stationäre Puppentheater-Museum in Berlin. Ein neuer
Anfang! Das Arbeitsamt bewilligte ABM und SAM-Stellen. Zum Glück!
Dadurch ergaben sich neue Möglichkeiten. Viele davon haben wir
verwirklicht.
Das Museum ist heute ein Erlebnisort für Kinder, Jugendliche und
Erwachsene - ein Ort auch der Kommunikation. In jährlich, bzw.
auch halbjährlich wechselnden Ausstellungen auf zwei Etagen des
Museums werden täglich dem Alter und den Interessen der Besuchergruppen
entsprechende Führungen zu verschiedenen Themen angeboten.
Für Kinder sind es Führungen mit spielerischen Aktionen und
viel Bewegung. Häufig machen junge Besucher bei uns ihre ersten
Museumserfahrungen. Sie entdecken in der Ausstellung die für sie
erfassbaren Themen. Dabei wird nicht nur Wissen erweitert, sondern auch
animiert, Figuren auszuprobieren, Spaß zu haben, zu verstehen.
Sie erleben in einem Papiertheater den König, der Spaghetti kochen
möchte. Wie gut, dass die Kinder ihm hierbei helfen können.
Sie erfahren dabei auch die Funktion dieser Familientheater früherer
Zeiten. Die Marionette Pinocchio erklärt sich selbst. Sie stellt
ihre Fäden vor, deren Funktion und ihre Beweglichkeit. Als Vorturner
hält sie die Kinder einige Minuten in Bewegung. Eine Fitnesseinlage
der besonderen Art.
In der Ausstellung werden die Hexen gezählt, und sie werden zum
Thema je nach dem Alter der Kinder, zum Beispiel in der Führung
für Zehnjährige "Hexen in der Fantasie und in der Realität,
90 Minuten zum Thema Toleranz". Die Kinder finden das Gute und
das Böse in den einzelnen Figuren, in den einzelnen Geschichten
und in sich selbst. Es faszinieren sie der spielerische Umgang mit Geschichte
und Geschichten sowie die Entdeckung der eigenen Kreativität. Die
Ausstellungen werden zur Basis für Kommunikation. Offenheit und
Flexibilität im Umgang mit unseren Besuchern ist uns eine Herausforderung.
Um sozial schwächere Gruppen nicht von den Führungen auszuschließen,
berechnen wir hierfür keine Gebühr.
Ein besonderes Highlight sind unsere Taschenlampenführungen für
Besucher ab 8 Jahren mit "starken Nerven". Dabei erleben die
Gäste in der verdunkelten Ausstellung die Puppen und Figuren im
Schein einer einzigen Taschenlampe. Das focusierte Licht verstärkt
die Konzentration auf das Detail. Die besondere Situation schafft eine
"knistrige" Stimmung mit intensiver Theateratmosphäre.
1996 entwickelten wir die Taschenlampenführung - und heute stehen
sie in den Veranstaltungsprogrammen vieler Museen.
In der Führung "Ein Blick hinter die Kulissen" haben
die Teilnehmer Gelegenheit, unterschiedliche Spieltechniken selbst auszuprobieren.
Puppenbau, Puppenspiel und Bühnenbau sind die Themen, die je nach
Interessenlage der Besuchergruppen behandelt werden können, soweit
dies in 90 Minuten möglich ist. Nicht selten mündet diese
Führung in einen Workshop zu einem dieser Schwerpunkte.
Dieses Angebot wird häufig von Theater-AGs im schulischen Bereich
oder auch von Studenten der Sozialpädagogik im Hinblick auf ihre
spätere Berufspraxis genutzt. Das Kursangebot reicht von der Technik
des Papiertheaters, der Handpuppe, bis zur Großfigur.
In Kooperationsprojekten mit Berliner Schulen wurden bisher zum Thema
Mittelalter, zum Thema Puppen und Ballet sowie zur Verbildlichung der
Musik "Bilder einer Ausstellung" von Modest Mussorgsky Puppen
gebaut, Szenen geschrieben und vor Publikum aufgeführt. Immer wieder
sind Schüler überrascht über ihre eigenen Fähigkeiten
und ihre Kreativität. Im Zuge einer verstärkten Förderung
von Ganztagsschulen in Berlin besteht hier eine zunehmende Nachfrage.
Mit jugendlichen und erwachsenen Kursteilnehmern wurden überlebensgroße
Figuren hergestellt und bei Berlins größtem Straßenumzug,
dem "Karneval der Kulturen" eingesetzt.
Etwa 35% unserer Besucher sind Erwachsene, Besuchergruppen aller Bildungsschichten.
Studenten, Touristen, Senioren, Deutsch lernende Ausländer vom
Goethe-Institut und auch geistig behinderte Menschen. In der Zusammenarbeit
mit "Lernmobil", der Bildungsstätte für geistig
und psychisch behinderte Erwachsene in Berlin, entstand das Kursangebot
"Theater, Geschichten und Gedächtnistraining", ein spielerisches
Training für Gedächtnis und Kreativität. In diesem Kurs
arbeiten wir mit Puppen und Geschichten über einen längeren
Zeitraum intensiv mit sechs Teilnehmern.
Für angehende Spielleiter führen wir seit einigen Jahren Wochenendseminare
durch. Studenten dieser Ausbildung haben wir in der Regel zweimal im
Jahr bei uns zu Gast.
Glückliche Umstände erlaubten nach und nach eine Erweiterung
des Museums.
Inzwischen befindet sich ein Theaterraum mit 75 Plätzen in der
dritten Etage. Hier finden fast täglich Aufführungen statt,
Vorstellungen des zum Museum gehörenden "ateliertheater mit
puppen und masken", aber auch Gastspiele verschiedener Berliner
- und auswärtiger Figurentheater, ebenso regelmäßige
Lesungen von Schauspielern und Autoren.
Die Erzählprogramme und Workshops der "Märcheninitiative
Sesam" für Kinder und Erwachsene sind seit der Museumsgründung
ein fester Bestandteil des Programms.
Auch um zusätzliche Büro- und Lagerräume konnte das Museum
erweitert werden. Zurzeit arbeiten im Puppentheater-Museum neben mir
noch weitere acht angestellte Mitarbeiter in den Bereichen Museumspädagogik,
Büro, Öffentlichkeitsarbeit, Technik, Ausstellungsbau, Restaurierung
und Inventarisierung. 17.236 Exponate konnten bisher inventarisiert
werden. Die Inventarisierung umfasst Theaterfiguren, Bühnenbilder,
Spieltexte, Fachliteratur, Plakate und bildliche Darstellungen zum Thema
Puppentheater. Letztere beinhalten Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen,
Stiche und Radierungen aus fünf Jahrhunderten.
1993 veröffentlichten wir anlässlich der Ausstellungen "Puppentheater,
Motiv in der Malerei und Grafik" in der gleichnamigen Grafikmappe
eine kleine Auswahl. Unsere Inventarisierungsarbeit der Bestände
ist bei weitem noch nicht abgeschlossen, durch Neuerwerbungen wächst
die Sammlung auch weiterhin. Bei der jüngsten Neuerwerbung im Jahr
2006 handelt es sich um den Figurenfundus von über 200 Figuren
des Berliner Schattentheaters "Figurenzirkel". Berlin ist
einer der Sammlungsschwerpunkte des Museums. Neben der vielfältigen
Museumsarbeit im eigenen Haus realisieren wir auch weiterhin mobile
Ausstellungsprojekte.
Im Jahr 2005 feierten wir mit unseren Gästen das zehnjährige
Jubiläum. Ein Jubelprogramm mit 28 Veranstaltungen über einen
Zeitraum von einem Jahr. 10 Jahre im "eigenen" Haus. Das für
die Besucher zumeist kostenlose Festprogramm setzte sich aus unterschiedlichen
Programmangeboten für Kinder und Erwachsene zusammen: einer Märchenrallye,
Kindernachmittagen, einer Ausstellung im Museum Falkensee, Märchenerzählungen,
Theateraufführungen, Taschenlampenführungen, einem Puppenbau-Workshop,
Lesungen, einem Sommerfest, den ersten Neuköllner-Figurentheatertagen,
einer Ausstellung im Historischen Museum Stralsund sowie der Ausstellung
"Kunstvolle Theaterplakate deutscher Figurentheater" und der
Ausstellung "Märchenfantasien in Formen und Farben" im
Schillerpalais Berlin.
Bis zum 17. Juli zeigen wir die Ausstellung "Urmel und andere Stars
der Augsburger Puppenkiste", eine Fotodokumentation und Marionetten
aus insgesamt elf Fernsehinszenierungen von 1954 bis 2001, sowie die
Figuren aus dem Kinofilm "Monty Spinnerratz". Anlässlich
dieser Ausstellung haben wir ein Museumskino eingerichtet und zeigen
auf einer Großleinwand Urmel, Professor Habakuk Tibatong und andere
"Fernsehhelden" in Bewegung.
In der Zusammenarbeit mit Michael Meschke entstand das Konzept für
die Ausstellung "Grenzüberschreitungen, 100 Gesichter des
Puppenspielers Michael Meschke" (Stockholm/Schweden). Im Anschluss
ging diese Ausstellung nach Patras/Griechenland, der diesjährigen
Kulturhauptstadt Europas.
Bis hier hin haben meine Mitarbeiter und ich ambitioniert und engagiert
Museumsarbeit geleistet. Über die langfristige Perspektive des
Museums gilt es nachzudenken und Weichen zu stellen.
Nikolaus Hein
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